CampusGrün Hamburg

Die Feuerzangebowle kritisch sehen!

17. Dezember 2018

„In dem Augenblick, da eine Propaganda bewusst wird, ist sie unwirksam. Mit dem Augenblick aber, in dem sie als Propaganda, als Tendenz, als Haltung im Hintergrund bleibt und nur durch Haltung, durch Ablauf, durch Vorgänge, durch Kontrastierung von Menschen in Erscheinung tritt, wird sie in jeder Hinsicht wirksam.“ (Joseph Goebbels bei der ersten Jahrestagung der Reichsfilmkammer am 5.3.1937)

Der Film „Die Feuerzangenbowle“, welcher jährlich im Audimax als kommerzielles Event zelebriert wird, ist historisch und inhaltlich ein Produkt der NS-Propaganda. Daher rufen wir dazu auf, den Film kritisch zu sehen und in Zukunft nur noch mit kritisch-wissenschaftlicher Rahmung zu zeigen.

Der Film wurde im Jahr 1943 in Babelsberg auf dem UFA-Gelände gedreht. Zu dieser Zeit herrschte der Zweite Weltkrieg: Goebbels hatte gerade im Berliner Sportpalast zum „totalen Krieg“ aufgerufen, die Massendeportationen von Millionen Europäer_Innen in Konzentrations- und Vernichtungslager wurde auf die Spitze getrieben, es begann die letzte und blutigste Zeit der systematischen Vernichtung im Zuge des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs. Der Dreh des Films fand deswegen in schalldichten Studios statt, um die Idylle des Films nicht durch den Lärm der Luftangriffe und der Fliegeralarme zu stören.

Die Wehrmacht hatte in Stalingrad eine entscheidende Niederlage kassiert. Die Berichte von der Front über die Grausamkeit und die Hoffnungslosigkeit des Kriegs verdichteten sich. Damit begann der Glaube an den „Endsieg“ in der Bevölkerung zu bröckeln. Die Auswirkungen des Kriegs wurden auch in Deutschland immer deutlicher. In der Nacht vor der Uraufführung im Januar 1944 in Berlin fielen 3.715 Tonnen Bomben auf die Stadt. In dieser Zeit kam der Unterhaltungsfilm „Die Feuerzangenbowle“ gelegen, um die aufkeimende Unzufriedenheit zu kanalisieren und die Bevölkerung hoffnungsvoll und beruhigt zu stimmen.

Eine Kapitulation Deutschlands hätte den Zweiten Weltkrieg zügig beenden können. Stattdessen hielten die Wehrmachtssoldaten und die Menschen in Deutschland weiter durch. Für das Durchhalten gab es Einschüchterungen, Arbeits- und Leistungszwang, offenen Terror, Drohungen, aber eben auch - zur Stabilisierung der sog. „Heimatfront“ - eine heftig betriebene Unterhaltungspropaganda.

Der Leitgedanke der Unterhaltungsfilme, deren Produktion in den Kriegsjahren gesteigert wurde, war rückwärtsgewandte Schwärmerei, eine Verklärung der Wirklichkeit und die Vertröstung auf bessere Zeiten, sowie Aufruf zum Verzicht. Dies ist in den letzten Worten des Protagonisten Pfeiffer im Film, der gerade nach einem kurzzeitigen Aufbegehren gegen den bürgerlichen Alltag in diesen zurückgekehrt war, formuliert: „Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir in uns tragen, Träume, die wir spinnen und Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden machen.“

Wie das eingangs genannte Zitat von Goebbels verdeutlicht, „überzeugt“ Propaganda vor allem, wenn sie subtil bleibt. Sei es der zitierte Schlusssatz, die Darstellung von verschiedenen Lehrertypen, bei der die mit der egalitäreren Einstellung als trottlig dargestellt werden, oder der Verweis auf die Standhaftigkeit des „ewigen Volkes“ mit vermeintlich arglosen Vergleichen. So der Oberlehrer Dr. Brett: „Junge Bäume, die wachsen wollen, muss man anbinden, dass sie schön gerade wachsen – nicht nach allen Seiten ausschlagen. Und genau so ist das mit den jungen Menschen: Disziplin muss das Band sein, das sie bindet, zu schönem, geraden Wachstum.“

Dieser Filminhalt wie die Rituale, die die Vorführungen begleiten (der Veranstaltungskatalog des Veranstalters Unifilm nennt z. B. Pfeifen beim Auftritt eines „Frauenzimmers“, „nor einen wönzigen Schlock“ trinken), bleiben mehr als fragwürdig. Die Verharmlosung rechten Gedankenguts und die begleitende Verrohung, die sich auch in den jährlichen „Feuerzangenbowle“-Zelebrationen wiederfindet, ist gerade im Angesicht von Versuchen, die NS-Diktatur zu verharmlosen – siehe: „Vogelschiss“ (AfD) – und die Gesellschaft zu re-brutalisieren – siehe: Hetzjagden auf „Nichtarier*innen“ (Pro Chemnitz und co.) sowie Bayerische Grenzpolizei zur Abschottung gegen Menschen, die humanitärer Hilfe bedürfen (CSU) – inakzeptabel. Die subtile Propaganda von Disziplin, Autorität, Frauen- und Familienbild und Rückwärtsgewandtheit muss im Gegenteil aufgeklärt und überwunden werden.

Wir fordern Unifilm auf, die Feuerzangenbowle zukünftig nicht mehr im „Weihnachtsprogramm“ zu zeigen und für dieses einen anderen Film zu finden, der einen progressiven Grundcharakter hat (z. B. „Blues Brothers“ oder „Rocky Horror Picture Show“). Wenn Unifilm den Film– außerhalb des Weihnachtsprogramms – zeigen sollte, dann sollte dies nur mit kritisch-wissenschaftlicher Rahmung geschehen.

Kritische Begleitausstellung zum Film
6.12., 10-23 Uhr im Audimax-Zwischengeschoss
7.12., 12-20 Uhr im Raum 06, Erziehungswissenschaft (VMP8)
Kommt dazu und diskutiert mit!
~ gemeinsame Publikation von CampusGrün, harte zeiten, Liste Links, SDS, UKEler vereint! ~

Auf in den Hambacher Wald: Der Kampf um das Gemeinwohl

02. Oktober 2018

Dem Kampf um den Hambacher Wald liegt eigentlich eine radikale Frage demokratischer Organisierung der Gesellschaft und ihrer natürlichen Grundlage zugrunde. Wer darf die Natur besitzen? Steht das Privateigentum an Grund und Boden über den Bedürfnissen einer Gesellschaft?

Wir meinen: Die jüngere Geschichte lehrt uns, dass der Ausverkauf der Natur unvernünftig ist. Die zunehmende Zahl an Klima-Katastrophen, Extremsommern und Ernteausfällen zeigt, dass das Mensch-Naturverhältnis dringend neu zu organisieren ist. Wie bisher kann es nicht weitergehen. Der Hambacher Wald ist hierbei längst ein europaweit bekanntes Exempel für einen weltweit laufenden Konflikt geworden: Der RWE-Konzern und seine Geschichte bestätigen, dass die kapitalistischen Verhältnisse überwundern werden müssen, um eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Lebensgrundlagen zu betreiben.

Das Unternehmen RWE, das Ende des 19. Jh. gegründet wurde, wuchs Anfang des 20. Jahrhunderts schneller als der regionale Energieverbrauch - was verdeutlicht, dass die Nachfrage eben nicht das Angebot bestimmt. Die damals entstandenen ersten Groß-Kohlekraftwerke waren nicht lukrativ - es bestand im „Reich“ eine Überproduktion von 28% an elektrischer Energie - mussten es deswegen erst gemacht werden: Die Machtergreifung der Nazis war für RWE eine begrüßte und später unterstützte gesellschaftliche Entwicklung,¹ da erst die energieintensive Aufrüstung der Wehrmacht eine Lösung des „Strukturproblems“ Energie-Überproduktion mit sich brachte. Allein das RWE-Kraftwerk Goldenberg erzeugte 1943 jede achte kWh der öffentlichen Stromversorgung und war somit wesentliche Grundlage für die weitere Bewaffnung im fortgeschrittenen Weltkrieg.

Gestärkt aus dem Nationalsozialismus kommend, wuchs RWE im Nachkriegs-Westdeutschland zum größten Energiekonzern. Obwohl die Schädlichkeit von Braunkohle längst bekannt war, konzentrierte sich das Unternehmen, das schon im Besitz aller bedeutenden Braunkohlevorkommen war, auf die schon damals als umweltschädlich und gesundheitsgefährdend bekannte Verbrennung von Braunkohle. Noch heute produzieren allein die drei größten Braunkohlekraftwerke RWEs mit 80 Mio.Tonnen CO 2 /Jahr 10% der gesamtdeutschen Emissionen. Die treuhandvermittelte Übernahme zahlreicher Ost-Kraftwerke nach der Wende und die europäische Liberalisierung der Energieversorgung resultierten in dem bis heute mächtigsten Energie-Konzern, der Quartett der Großen Vier (daneben EnBW, Vattenfall, E.ON.) besteht und mit ihnen ein Oligopol bildet. Diese Macht über die Energieversorgung und die EnergieInfrastruktur lässt RWE heute zu einem Online-Auftritt kommen, in dem es heißt: „RWE ist unverzichtbar für das Funktionieren des gesamten Energiesystems und für die Versorgungssicherheit in Europa."

Diese machtvolle Position ist auch Grundlage von RWE-Manager (Harald) Marx, der sich sicher ist, dass das bürgerliche Recht und die Politik in dem Konflikt um den Hambacher Wald auf seiner Seite stehen¹. (Karl) Marx hat allerdings schon im Konflikt um das Holzdiebstahlsgesetzt im Rheinland über 150 Jahre zuvor deutlich gemacht, dass es eben nicht nur um das positive Recht in der Sache geht, sondern das Gesetz (hier zum Hambacher Wald als Privateigentum) politisch im Sinne der gesellschaftlichen Bedürfnisse ausgelegt werden muss².

Zu Ende gedacht bedeutet dies heute die Verstaatlichung der Energieriesen, denn: Erstens ist die weitere Nutzung von Braunkohle zur Energiegewinnung gegenüber heute möglichen technologischen Verfahren zur nachhaltigen Energiegewinnung nur durch Profitmaximierung und unter Ignoranz der gesellschaftlich zu tragenden Umweltfolgekosten begründbar. Zweitens widerspricht die weitere Rodung von Wäldern zur Energiegewinnung gesellschaftlichen Bestrebungen zum Klima- und Umweltschutz im Sinne der Sustainable Development Goals der UN. Vielleicht sind Anteile der Infrastruktur der RWE aktuell unverzichtbar, ganz sicher aber nicht ihre privatwirtschaftliche Organisierung.

In der neoliberalen Marktwirtschaft versteht sich der Staat stattdessen als Verteidiger des Rechts auf Privateigentum an den Produktionsmitteln. Da gegen das Allgemeinwohl und die Proteste um den Hambacher Wald ein so großer Polizeieinsatz für das Kapital organisiert wird, dass selbst die Polizei bereits für eine Demokratisierung des Konflikts einsteht, muss die radikale Forderung nach einer demokratischen Organisierung der Wirtschaft im Widerstand zu den vorherrschenden Verhältnisse durchgesetzt werden. Die letzten Proteste machen bereits deutlich, dass Großteile der Bevölkerung sich diese Konzerne und damit eigentlich die kapitalistischen Produktionsverhältnisse nicht mehr leisten wollen. Hambach kann also Wendepunkt sein: Eine Erhaltung des Waldes und das Ende des Braunkohle-Abbaus vor Ort ist die Alternative zur vorherrschenden These der Alternativlosigkeit.

Wir rufen deshalb hiermit zu den kommenden Protestaktionen rund um den Hambacher Wald auf, um die Rodung zu verhindern und die Forderung nach einer gemeinschaftlichen, gesamtgesellschaftlichen Verfügung über den Umgang mit natürlichen Ressourcen und einer rationalen Regelung des Mensch-Naturverhältnisses zu verallgemeinern.

Wald retten – Kohle stoppen!

Demo: Samstag, 6. Oktober

Um 12 Uhr am Bahnhof Buir, Hambacher Wald



¹„Die Tagebaue Hambach und Inden sollen dagegen im vollen geplanten Umfang weiter genutzt werden. Die aktuelle schwarz-gelbe Landesregierung hat diese Entscheidung übernommen. Beide Landesregierungen haben gesagt, dass die Kohle noch über 2030 hinaus gebraucht wird. Wir haben Recht und Politik auf unserer Seite." -Harald Marx (RWE Manager), Interview mit ZEIT ONLINE, https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-09/harald-marx-rwe-hambacher-forst-raeumung-braunkohle-rodungsplaene-tagebau, 27.09.2018.

² „Holz bleibt Holz in Sibirien wie in Frankreich; Waldeigentümer bleibt Waldeigentümer in Kamtschatka wie in der Rheinprovinz. Wenn also Holz und Holzbesitzer als solche Gesetze geben, so werden sich diese Gesetze durch nichts unterscheiden als den geographischen Punkt, wo, und die Sprache, worin sie gegeben sind. Dieser verworfene Materialismus (...) ist eine unmittelbare Konsequenz jener Lehre, welche die »Preußische Staats-Zeitung« dem Gesetzgeber predigt, bei einem Holzgesetz nur an Holz und Wald zu denken und die einzelne materielle Aufgabe nicht politisch, d.h. nicht im Zusammenhang mit der ganzen Staatsvernunft und Staatssittlichkeit zu lösen." -Karl Marx, Debatte über das Holzdiebstahlgesetz, Rheinische Zeitung Nr. 307, 02.11.1842.

Gender-Wissenschaften verteidigen!

19. Juni 2018

Wir als CG haben uns dem Leitgedanken der Gleichheit aller Menschen verschrieben. Dies beinhaltet für uns unter anderem, dass geschlechtsbezogene Ungleichbehandlung durch Aufklärung und politische Lösungen beendet werden muss. Zu Zeiten, in denen sich selbst Teile der CDU von der gleichgeschlechtlichen Ehe und Frauenquoten überzeugen lassen, wird mitunter die Meinung vertreten, Geschlechtergleichberechtigung sei im Mainstream etabliert und müsse nicht priorisiert angestrebt werden. Wir warnen jedoch: Dies ist nicht der Fall. So ist beispielsweise die Genderkommission der Uni Hamburg, in welcher auch wir vertreten sind, derzeit gezwungen, sich mit Kleinen Anfragen der AfD bezüglich "Gender-Wahn an Hamburger Hochschulen" auseinanderzusetzen. In dieser Anfrage wird eine anti-wissenschaftliche Haltung deutlich, die versucht, unliebsame Themen zu verdrängen und Erkenntnisgewinne, die allen zu Gute kommen, zu verhindern. Die an der Uni Hamburg betriebene wissenschaftliche, kontroverse Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien zum Thema Gender wird durch die AfD als Einheits-"Gender-Theorie" und gar diffamierend als "Gender-Ideologie" bezeichnet. Es wird behauptet, diese werde gezielt genutzt, um Studierende z.B. in Kursen zum gendersensiblen Mathematikunterricht zu "ideologisieren".

Dabei offenbart sich in Formulierungen wie "An der Technischen Universität Hamburg, die eigentlich dringend benötigte Ingenieure und Forscher, nicht aber für die Gender-Theorie sensibilisierte Absolventen hervorbringen soll,[...]" ein Bild von Wissenschaft und Universitäten, dass deren Funktion ausschließlich darin sieht, wirtschaftlich verwertbare Absolvent*innen im Sinne des Humankapitals zu produzieren. Hiergegen steht die Notwendigkeit, dass Menschen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und ihres eigenen Handelns im Kontext der gesellschaftlich zugewiesenen Rollen bewusst werden und Konstrukte wie das Geschlecht kritisch reflektieren. Dies beinhaltet auch die Arbeit gegen Diskriminierung von Schüler*innen im Matehamtikunterricht aufgrund ihres Geschlechts.

Oslo_Arbeiterinnen

Weil es das Richtige ist, und sich reaktionären Ideen vehement widersetzt werden muss, treten wir weiterhin für einen wissenschaftlichen Umgang mit Gender-Theorien im Sinne eines emanzipatorischen Wissenschaftsbildes ein. Diese Gedanken vertreten wir beispielsweise im Studierendenparlament und im Gleichstellungsausschuss des Akademischen Senats, auf dessen letzter Sitzung wir erwirken konnten, dass im neuen Gleichstellungsplan der Uni Hamburg auch die Menschen berücksichtigt werden, die sich nicht in ein binäres Geschlechterbild einpassen lassen. Außerdem konnten wir erreichen, dass als Ziel der Gleichstellungsarbeit an der Uni Hamburg die "Überwindung der Geschlechtergrenzen, geschlechterbezogener Rollenbilder und struktureller Diskriminierungen zur Erreichung einer langfristigen Gleichheit aller Geschlechter" im Gleichstellungsplan festgeschrieben wurde.

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